sueddeutsche.de - Aktuelle Nachrichten
 
Drucken 10.11.2005   16:18 Uhr

Ausgehen!

. . . und zur Sahnetorte eine Bionade!

Zwischen Plüsch und kühlem Design: In der Münchner Café-Landschaft geht der Trend zur engen, gemütlichen Tagesbar.
Von Birgit Lutz-Temsch

 

Tag und Nacht haben nicht viel gemeinsam im Platzhirsch am Viktualienmarkt: Wenn die Sonne sinkt, gehen die Omas, das Nachtvolk kommt.
Foto: Rumpf

 

Plüschig, trendig, spartanisch – die Cafélandschaft ist bunt und ständig in Veränderung. Eine Entdeckungsreise durch die eigene Stadt.

Das Oma-Café:
Auf der Karte: Kännchen Kaffee Hag
An der Wand: Goldtapete
Am Tisch: immer weniger Omas

Das Oma-Café ist wohl gleichzeitig die Oma der Cafés. Denn diese gepflegt-plüschigen Horte von Sahnetorte, Papieruntersetzern zwischen Tasse und Untertasse und Erdbeerrolle gab es, lange bevor auf den Karten Tramezzini und Ingwer-Säfte auftauchten. Zu Oma-Cafés sind sie geworden, weil ihr Klientel mit ihnen alt wurde und kein neues nachkam. Bis vor einigen Jahren die modernisierungsresistenten Oma-Cafés gerade wegen ihrer Untrendigkeit trendig wurden.

Das jüngste Beispiel in dieser Reihe ist das Café Platzhirsch im ersten Stock des Hauses an der Ecke Rosental/Prälat-Zistl-Straße, mit einem famosen Blick über den Viktualienmarkt. Seit 1979 war dort das Cafe Rosental. Vor drei Wochen hat ein nicht unbekanntes Trio, zu dem auch Musik-Produzent Mathias Neuhauser von Millenia Nova gehört, den Laden übernommen. Sie haben die Panoramafenster von den schweren Vorhängen befreit, Filzkissen auf die breiten Fensterbänke gelegt, Rehgeweihe an die Wand genagelt und eine neue Kaffeemaschine gekauft.

Es gibt jetzt kein Kalbsgeschnetzeltes mehr, dafür spanischen Rotwein. Ansonsten ist alles beim alten. Omas kommen, sagt Neuhauser, zumindest nachmittags immer noch. Eine schöne Benimmschule sei das, denn bei 80-jährigen Damen kämen quer durch den Raum gerufene Sprüche wie „Ey, noch ’ne Erdbeerrolle?“ gar nicht gut an.